Haiti-Kinderhilfe

Reise Dr. Ralf Halle Januar 2018

Reisebericht Haiti, 10.-20.1.2018

Donnerstag, 01 Februar 2018.

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Nachdem wir jahrelang für das Projekt der Haiti-Kinderhilfe im Kirchenkreis und bei privaten Anlässen gesammelt haben aber keiner aus der Familie bislang persönlich vor Ort war, wollten wir uns jetzt endlich selbst ein Bild machen. Da Ismael, unser 7-jähriger Sohn, an Ferien gebunden ist und ich wiederum in den Ferien keinen Urlaub bekommen konnte, machte ich mich mit meiner Mutter, die beim Abholen Ismaels mit meiner Frau bereits 7 Wochen im Land verbracht hatte, auf dem Weg. Der Kompromiss war – nur 10 Tage. Länger wollte Ismael seine Oma und mich auf keinen Fall weglassen.

Bepackt mit 4 Koffern, fast 60kg Sondergepäck, ging es am 10. Januar früh um 4:30h aus dem Haus.  Von Hannover über Paris (sehr stressig wegen Flughafenwechsel in knapp 3 Stunden mit allem Gepäck) und Port au Pitre, landeten wir mit einer Stunde Verspätung in Port au Prince, wo wir, wie telefonisch zuvor abgestimmt, vom Hotel mit einem Shuttle abgeholt wurden. Hotel zu teuer, sonst ok. 

 

Am nächsten Morgen, 30‘ vor dem verabredeten Zeitpunkt, gabelte uns schon Roswitha im Hotel auf und nach einigen Besorgungen im Umfeld des Flughafens machen wir uns auf den Weg zu dem Projekt, das in den nächsten Tagen auch ein bisschen zu „unserem Projekt“ werden sollte.
7 ungeheuer intensive, interessante Tage sollten folgen, die wir sicher nie vergessen werden.

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Besonders wertvoll für uns war die Nähe zu den Menschen. Roswithas „Bekanntheitsgrad“, aber auch die Mentalität der Menschen machte es uns auch ohne Kreolkenntnisse sehr einfach, sich mittendrin zu fühlen. Anders als in der Hauptstadt, war es hier überhaupt kein Problem, sich auch außerhalb des Geländes frei zu bewegen. Alle grüßen, werfen einem Brocken Englisch zu, lächeln. Die Kinder klatschen ab, suchen oft die Nähe.  DSCF2344

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Beispielsweise durften wir beim Verteilen diverser Patengeschenke, die wir zu Fuß im Dorf verteilt haben,  überall auf die Grundstücke, Fotos machen und an der Freude der beschenkten Kinder teilhaben. Anders als vielleicht erwartet, waren die meisten Kinder eher etwas überfordert mit den Geschenken, einige aber auch, allein im Wissen, dass wir Geschenke bringen, schier aus dem Häuschen. Danach haben wir mit Roswitha dann länger über sinnvolle und weniger sinnvolle Patengeschenke diskutiert.

Ein weiteres sehr intensives Erlebnis war der Besuch eines Gottesdienstes in einer nahegelegenen katholischen Kirche, was wir ebenfalls mit einem schönen Fußmarsch durch  die Umgebung verbinden konnten. Über 2 Stunden Gottesdienst, die aber, obwohl wir kaum etwas verstanden, nie langweilig waren. Es wurde viel gesungen, geklatscht, teils sogar geschunkelt. Ein Chor und eine kleine Percussion-Combo unterstützten dabei die Kirchengemeinde. Besonders eindrucksvoll war dann die fast einstündige Predigt des jungen Priesters, der in allen Tonlagen mit  vollem Körpereinsatz die Gemeinde einnordete. Roswitha hat uns ein paar Textpassagen übersetzt, in denen es u.a. um Tattoos, Kunsthaare, und Pillen, die den Sex verlängern (die es in anderen Ländern geben soll…) ging. Interessant, wie einzelne Gemeindemitglieder zusammenzuckten. Natürlich musste Roswitha sich und uns auch kurz vorstellen. Im Gedächtnis wird noch die Kollekte bleiben, erstens weil der Sammelbehälter ein Plastik-Nudelsieb war und zweitens weil wir ihn mit Lutschern bis zum Rand füllten, die dann gleich in der Gemeinde verteilt wurden. Am Ende des Gottesdienstes wurden wir dann noch in ein kleines Kämmerchen hinter der Kirche gebeten, in der Hoffnung, Roswitha könnte z.B. beim Ausbau der Kirche helfen. Sie blieb aber bei ihrem Grundsatz: Aus Religion und Politik halten wir uns heraus, in Kontakt bleiben ist aber immer gut.

Durch mein berufliches Interesse (Niedergelassener Gastroenterologe) war ein Schwerpunkt des Besuchs die medizinische Versorgung der Bevölkerung. Wie erwartet ist hier vieles im Argen. Das fing allerdings schon auf dem Projektgelände selbst an. Eine Verletzung von Richard konnten wir glücklicherweise dank eines Verbandskastens im Auto leidlich versorgen…

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Zunächst besuchten wir die nächstgelegene Dispansaire, das Anlaufzentrum für die nähere Umgebung (Einzugsgebiet ca. 13000 Menschen). Ein kirchenartiges Gebäude mit großem Wartebereich und ca. 8 abgehenden Zimmern. Im Behandlungszimmer wurde ein 6 Monate altes, schwer unterernährtes Baby von einer schon älteren Mutter vorgestellt. Das Kind wirkte bereits apathisch, eingefallen, konnte den Kopf nicht halten. Für 7 Tage bekommt die Mutter, die selbst zu wenig Milch zum Stillen hat, hochkalorische Fertigkost mit, dann muss das Kind in der Lage sein, wieder allein zu essen. Auf Nachfrage sagt die Hilfsschwester, dass manchmal  danach um 7 Tage verlängert wird…

Eine weitere „Schwester“ führte uns anschließend durch die anderen Räume. Ein Kühlschrank ohne Strom, Regale fast ohne Medikamente und ein Verbandsraum komplett ohne Verbände, Tupfer, Sterilgut. Wie frustrierend muss das für die beiden Damen sein, eigentlich keine Möglichkeit zu haben, wirklich zu helfen, wenn es jemandem schlecht geht. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit aber ist die Aufklärung und Familienplanung, sowie Impfaktionen. Was das Thema Familienplanung angeht ist sicher noch sehr viel zu tun. Ausschließlich Frauen kommen zu den Gesprächen und in den letzten 3 Jahren haben sich geschätzt 30 Frauen eine Depot-Verhütungsspritze geben lassen. Interessanter Weise werden vor allem 7-Jahres-Spritzen empfohlen, von denen ich in Deutschland bislang noch nichts gehört habe (bin aber auch kein Gynäkologe), deren Problem aber wohl teils starke Blutungen sind.

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Beide Damen wirkten auf mich sehr motiviert, engagiert und identifizieren sich mit ihrer Arbeit. Davon konnten wir uns an einem anderen Tag ein Bild machen, als wir mit einer der Damen an einer Impfaktion teilnehmen durften. Natürlich fehlten Einmal-Handschuhe aber was das Desinfizieren der Punktionsstellen (DPT-Impfung) und den Umgang mit den Kindern (Polio-Schluckimpfung) angeht kann man nur loben.  Das gilt wie so oft auch für die anwesenden Mütter und Kinder, die wieder durch ihre Freundlichkeit und ihre Geduld glänzten.

Die nächste übergeordnete medizinische Einrichtung ist die Ambulanzstation in Maissade. Hier werden wir von dem „Verwaltungschef“ und Dr. Juged  durch die Einrichtung geführt. In einer Art Notaufnahme werden Patienten untersucht und können im Einzelfall auch mal eine Nacht bleiben. Ansonsten gibt es keine Krankenbetten. Immerhin werden die Patienten aber elektronisch erfasst und es gibt ein Mini-Labor.  Ein Haus für Cholerakranke, in dem der letzte Patient erst vor 7 Tagen gelegen hat und ein fast fertiggestelltes neues Geburtshaus sind der Stolz der Einrichtung. Ansonsten war auffällig, wie viele Angestellte sich auf dem Gelände bewegten bei sehr überschaubarem Patientenaufkommen, was aber laut Kollege eher die Ausnahme ist. Wie in alten Zeiten waren z.B. 4 Damen damit beschäftigt, gewaschene Verbände und Tupfer zusammenzulegen.

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Am letzten Abend besuchte uns dann sogar noch mal der Bürgermeister der Region, ein junger, motivierter Mann, der mit uns über seine Vorstellungen und Wünsche bezüglich der medizinischen Versorgung sprechen wollte. Ihm schwebt eine Schwester mit Hebammenausbildung und ein Allgemeinmediziner vor, was sich recht gut mit unseren Einschätzungen deckt. Diese sollen im Despansair „stationiert sein“.  Die zu erwartenden Gehälter sind für deutsche Verhältnisse überschaubar, müssen aber natürlich erst mal aufgetrieben werden. Dazu kommt die unklare Versorgungssituation, was Medikamente und Verbandsmaterial angeht. Am einfachsten ließe sich sicher noch die Grundausstattung mit Blutdruckmessgerät, Stethoskop, BZ-Messung, Laptop (…) organisieren. Dazu sehen die Statuten der HAITI-Kinderhilfe ja auch nur die Versorgung von Kindern vor. Mal sehen, was sich da in Deutschland organisieren lässt. In jedem Fall hat es der Bürgermeister in seinem Schlusswort sehr treffend auf den Punkt gebracht: „Im Moment sterben die Menschen hier wie die Fliegen. Selbst wenn Sie uns nur ein Jahr lang unterstützen, haben Sie schon sehr viel erreicht und Leben gerettet“. Etwas weniger emotional denke ich auch, dass mit recht wenig Aufwand sehr viel erreichbar wäre.

Kurz vor der Abreise haben wir dann sogar noch in Henche das Bezirkskrankenhaus besuchen dürfen und wurden von einem netten pädiatrischen Kollegen durch die Räume geführt. 92 Angestellte, 23 Ärzte versuchen der Flut an Patienten gerecht zu werden. Für uns sind Räume mit 10 Betten ohne elektrisches Licht sicher mindestens gewöhnungsbedürftig aber ich glaube, die Menschen, die es ins Krankenhaus geschaffte haben, sind sehr dankbar dafür, dass ihnen geholfen wird.

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Auf Roswithas Frage, was uns denn am meisten beeindruckt habe und was wir am intensivsten in Erinnerung behalten werden, waren meine Mutter und ich uns aber einig: Die Kinder. Wir konnten oft auf dem Kindergarten- oder Schulgelände ganz nah beim Unterricht dabei sein. Das Singen der Kinder, ihre offene Art auf uns zuzugehen und ihr Lachen werden uns lange begleiten. Für uns wirkten die Kinder schon im Kindergarten sehr diszipliniert, auch wenn die Lehrerinnen ständig das Gegenteil behaupten.

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Sie sind super lebhaft und haben enormen Bewegungsdrang aber wie gesittet sie einer nach dem anderen die Stühle zum Stuhlkreis tragen, nach der Toilette die Hände waschen, nach dem Essen die Zähne putzen – wir waren beeindruckt.

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Oft hatte insbesondere meine Mutter Trauben von Kindern um sich, etwas zum Unwillen der Lehrerinnen, die sich dann nicht recht trauten, die Kinder zur Ordnung zu rufen und meiner Mutter liegt das auch nicht so wirklich...

Aktuell sind mit den 3 Kindergarten- und der 1. Schulklasse 120 Kinder im Projekt versorgt, die in den allermeisten Fällen sicher mit leerem Bauch zur Schule kommen und ihre oft einzige Mahlzeit des Tages im Rahmen der Schulspeisung erhalten.

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Es verwundert nicht, dass die meisten Kinder wirklich glücklich und ausgelassen wirken und in meinen Augen, gerade in Anbetracht des Alters, auch beim Unterricht mit Freude bei der Sache sind.

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Aber wo gibt es auch einen Open-Air-Unterricht, bei dem den einen Tag eine lebende Ziege, den nächsten ein Schwein, dann ein Pferd und zuletzt eine Kuh „untersucht“ werden können und ganz nebenbei noch alles auf Französisch.

An einem Tag gab es für die Kinder, zusätzlich zur normalen Schulspeisung (gekochte Süßkartoffeln aus eigener Ernte) selbstgemachtes Bananeneis, das Roswitha, Jara, Farah und meine Mutter am Vortag vorbereitet hatten. Besonders bei den ganz kleinen halfen wir dann beim Austeilen und Essen. Gleich der erste Junge, dem ich das Eis gab, ließ es mit einem kleinen Aufschrei fallen, weil es so kalt war. Es war das erste Eis seines Lebens, gegessen hat er es dann aber mit Genuss.

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Gefühlt wissen die meisten Kinder und Eltern, dass sie ziemliches Glück haben, Teil des Projektes zu sein. Und gerade diese Phylosophie gefällt mir auch besonders gut. Es ist nicht nur das Projekt der Haiti-Kinderhilfe,  sondern auch der Eltern, die ja durch ihre regelmäßigen unterstützenden Arbeiten das Projekt mitgestalten. In weiten Teilen werden Eltern und Lehrer/-innen mit ins Boot geholt, einzig das Problem der Disziplinierungsmöglichkeiten führt regelmäßig zu Spannungen. Nicht einmal mit einem Stock drohen zu dürfen, ist für die Lehrerinnen schwer zu verstehen und entspricht scheinbar in keinster Weise haitianischen Gepflogenheiten. Hier die rein deutsche Sichtweise durchzusetzen macht das Leben für Madame Farah als Schulleiterin und die Lehrerinnen nicht immer einfach.

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Ich nutze die Gunst der Stunde, mir unser Patenkind persönlich auszusuchen, Fannelle, den talentierten Trommler aus der 3. Kindergartenklasse, der, weil er nachgerückt ist, noch keinen Paten hat. Freue mich sehr.

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Einige Tage zuvor bin ich mit meiner Mutter und meiner Kamera zu einer Nachbarschule gegangen und habe dort die 26 Kinder der ersten Klasse fotografiert und „Katalogisiert“. Die Schule wird auch von der Haiti-Kinderhilfe unterstützt und möglichst sollen auch für diese Kinder Paten gefunden werden. Ganz abgesehen vom guten Grundgedanken der Aktion hat es auch total Spaß gemacht, mit den Kindern zu kontakten, auch wenn die meisten von ihnen beim Anblick der Kamera in Schockstarre verfallen sind. Hoffentlich gelingt es uns auch für sie, Paten zu finden. Ein kleiner Junge ist schon mal bei meiner Mutter untergekommen.

Was bleibt sonst noch zu erwähnen? Die wirklich komfortable Unterkunft, die tagsüber spärlichen, abends dafür aber umso leckereren Mahlzeiten, für mich ein gewisses Heimatgefühl durch die vielen Tiere auf dem Gelände (bin Hobbylandwirt mit Schafen, Ziegen, Hühnern, Hund und Katze) und das obligatorische Bier nach Vier mit Hans und Richard. Und der viele Spaß, den wir abends besonders durch Richards Erzählungen hatten. Im Dunkeln fühlte man sich mit Bierchen und Richards Slang eher in den bayrischen Wald als nach Haiti versetzt. Viele seiner Anekdoten aus 40 Jahren Haiti haben mir die Lachtränen in die Augen getrieben und sind unvergesslich.

Zuletzt möchte ich mich bei Roswitha und Richard bedanken, wie toll sie uns aufgenommen haben. Was die beiden und Hans in ihrem nicht mehr ganz jugendlichen Alter (sorry Ihr Drei) vor Ort leisten, glaubt keiner, der es nicht selbst gesehen hat. Das Handy geht ständig, dauernd muss irgendwo geholfen werden und wenn man denkt, jetzt ist mal etwas Ruhe macht Roswitha noch persönlich mit Mdm Farah die Vorstellungsgespräche der Lehrer. Und dabei fällt nie ein böses Wort, sie wirken nie gestresst und das bei 35°C– einfach unglaublich. Unsere Hochachtung haben die drei!

So gingen die 10 Tage dann rasend schnell vorbei und am letzten Tag, bei der Verabschiedung, als wir uns nach so kurzer Zeit schon wieder aus dem Staub machten, viel dann doch noch ein „böses“ Wort von Richard: „Feige Sau sagt man in Bayern“. Recht hat er, deswegen werden wir auch sicher wiederkommen.

Ralf Halle

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