Haiti-Kinderhilfe

7. Reisebericht Roswitha Winter 2018/19 - Unruhen, Straßensperren, die Angst geht um……

Sonntag, 17 Februar 2019.
7. Reisebericht Roswitha Winter 2018/19 - Unruhen, Straßensperren, die Angst geht um……

Schon seit Sommer 2018 gab es immer wieder extreme Unruhen mit Barrikaden, brennenden Reifen, Plünderungen und Bürgerkriegszuständen. Im Juli sollte das Team der Ohrenspezialisten einfliegen und unsere Kinder untersuchen, bzw. nachbehandeln. Die Reise musste bis September verschoben werden.

Im November wieder wöchentlich brennende Reifen, Barrikaden, Rücktrittsforderungen an die Regierung. Wir flogen am 26.11. mit vielen Vorbehalten los. Unsere große Sorge beim Anflug des Flughafens in Port-au-Prince war, ob wir schwarzen Rauch von brennenden Reifen sehen würden. Hatten Glück, war ein ruhigerer Tag.

Im Dezember sehr viel Unmut in der Bevölkerung. Es gab fast kein Benzin, oftmals nur am Schwarzmarkt. Die Transportpreise stiegen. Der haitianische Gourdes verlor zum US $ 25 %, die Lebenskosten stiegen. Es ist hier jetzt schon teurer als in Deutschland!!!! Die Tanker mit dem Treibstoff liegen im Hafen, werden aber nicht gelöscht, da die Regierung keine Devisen hat, um zu bezahlen. Das Venezuela Problem betrifft Haiti auch direkt, da Venezuela den Treibstoff subventioniert hat. Viele Gerüchte wegen Korruption, Veruntreuung durch die Regierung usw. sind im Umlauf. Seit Monaten schon ein Machtkampf zwischen den Wahlverlierern und der Regierung. Alles eskaliert irgendwie. Immer schon das große Problem in Haiti, dass die Regierung absolut nicht mit dem Volk kommuniziert. Man hört nichts….

Auch jetzt, nach 7 Tagen Bürgerkrieg, Stillstand und Terror im Land, nie eine Ansprache des Präsidenten oder eines Regierungsvertreters.

Ich will wiedergeben, was ich persönlich erlebt habe. Unser Personal fährt abwechselnd am Wochenende nach Port-au-Prince. Es gibt nur eine offizielle Straße durch das Landesinnere in die Hauptstadt. Die Stadt Mirballais, ca. 40 km nach Port-au-Prince, ist ein Knotenpunkt. Fast jedes Wochenende gibt es Straßensperren. Entweder, man kann sich die Durchfahrt erkaufen oder man muss zu Fuß weitergehen und hoffen, eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Sie erpressten sich so mehr Zuteilung des seltenen Stroms aus dem öffentlichen Netz. Vor 2 Wochen stürmten sie ihre Polizeistation und legten dort alles in Schutt und Asche.

In Port-au-Prince waren in den letzten Wochen immer wieder Demonstrationen.

Für diese Woche war die Ansage der Opposition, dass ab 11.2. morgens 4 Uhr keiner auf den Straßen fahren soll. Es würden überall Sperren errichtet und wer auf der Straße sei, würde attackiert werden. Diese Ansage sei vorerst bis Freitag, aber solange bis der Präsident abdankt und das Land verlässt. Es gab dann immer wieder weitere Statements, dass auch alle Senatoren und Depute weg müssen.

Conny landet am 11.2. um 8 Uhr 30 in Haiti. Wir sprechen noch am Sonntagabend, entweder in Miami bleiben oder Risiko Anreise ins Projekt, oder am Flughafen ein Hotel. Entscheiden uns für Risiko Anreise.

Ich bin ja kein Feigling, aber hier wusste ich, dass nur ein Haitianer mit zwei weiteren Haitianern als Sicherheit diese Fahrt riskieren kann. Ich habe schon öfter mit ihm zusammengearbeitet und für den doppelten Preis würde er es versuchen. Ich bin ehrlich, alle raten uns ab.

Conny kommt pünktlich an und startet ca. 9 Uhr mit den Begleitern den Weg zum Projekt. Jeder hat genügend Schmiergeld in den Taschen. Sie schaffen es auch einige Kilometer, können aber einer Barrikade vor einer Brücke nicht ausweichen, es gibt keinen anderen Weg. Versuchen es zurück zum Flughafen in ein Hotel. Nichts geht mehr, schlagartig sind alle Straßen dicht. Es werden Steine, Eisenteile usw. geworfen, die Leute auf den Straßen attackiert. Sie kommen nicht mehr aus dem Viertel raus und finden ein kleines Hotel in einer Nebenstraße.

Conny darf bleiben, auch das Auto darf dort abgestellt werden. Die 3 Haitianer schlagen sich zu Fuß nach Hause durch. Conny ist der einzige Gast, nehmen nur Bargeld. Hat Conny nur für eine Nacht.

Wir kontaktieren unsere Freunde, schwierigst in der jetzigen Situation Bargeld hinzubringen. Ein Freund kennt den Eigentümer. Er verbürgt sich und Conny kann so lange wie nötig dortbleiben. Es scheint wohl ein Stundenhotel zu sein, daher auch keine Gäste.

Es gibt fast nichts zu essen und die Eigentümer haben auch Angst auf die Straße zu gehen. Es entsteht eine Blockade genau vor dem Hotel.

Am Montagmorgen senden wir unsere Lehrer und auch unsere Kinder ganz früh in Gruppen nach Hause. Alle Schulen im Land sind geschlossen, da wollen wir uns keinen Ärger einhandeln.

Die Situation Port-au-Prince eskaliert täglich. Es werden fast alle Tankstellen geplündert und angezündet. Geschäfte, speziell Supermärkte, Warenlager, Banken, Fernseh- und Radiostation geplündert, angezündet und ausgeraubt. Aber auch in anderen Städten. Autos brennen.

Am Mittwoch Aufmärsche in den Städten, alle zeigten ihre Waffen. Die Fotos und Kurzfilme, die wir bekamen, machten schon Gänsehaut.

Die Tochter unseres Mitarbeiters wird am Dienstag schwer krank, hatte schon letzte Woche Koliken und war schon in der Krankenstation im Nachbarort.

Keiner konnte ihr helfen und sie musste ins ca. 14 km entfernte Krankenhaus nach Hinche. Selbst unsere Sandstraße war überall mit Barrikaden und Mob versperrt.

Kein Krankenauto verfügbar, mit einem Motorrad wurde sie querfeldein und teilweise durch Flüsse und Schluchten getragen. Sie kam dort gut an und wurde behandelt.

Es gibt viele dieser Geschichten.

Können nur abwarten und hoffen…….

Roswitha

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